Sich um Haus und Hof saufen. Level: Dramatic

Veröffentlicht in Leute und Location, Nachdenklichkeiten mit den Tags , , , , , am 18. Mai 2013 von Robin Urban

Heute erzähle ich euch eine Geschichte von einem Alkoholiker, der an einer galoppierenden Realitätsverweigerung litt. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig. Es ist nicht so, dass irgendwas davon wirklich passiert ist. Ich stelle nur Hypothesen auf und… plaudere nur.

Eine kleine Rechnung für euch:

Nehmen wir an, eine 1l Flasche Jägermeister kostet 10 Euro. Wenn ihr die Flasche sauft, habt ihr also im Grunde 10 Euro verloren. Soweit klar, ne?

Jetzt nehmen wir weiter an, ihr hättet ne Kneipe. Dort verkauft ihr Jägermeister. Jeder Shot kostet 2 Euro und weil ein Shot 2cl sind, kriegt ihr aus einer Literflasche Jägermeister 50 Shots raus. 50 mal 2 sind 100. 100 Euro, um genau zu sein. Ihr habt also mit dieser Flasche 100 Euro Umsatz gemacht!

So, aber in Deutschland gibts Steuern, also kommt an dieser Stelle das Finanzamt ins Spiel. Das sagt dann sowas wie: “Ich sehe, du hast diesen Monat eine Flasche Jägermeister beim Großhandel gekauft und diese ausgeschenkt. Schön! Wir hätten dann gern was vom Umsatz. Sagen wir, die Hälfte. Also 50 Euro. Deal? Deal!”

Stellt euch jetzt bitte vor, es ginge nicht um eine Flasche im Monat, sondern um 20. Und stellt euch außerdem vor – und hier wirds knifflig – ihr hättet diese Flaschen gar nicht shotweise verkauft. Nein, ihr habt sie euch selbst in den Schlund geschüttet! Damit habt ihr aber leider keinen Umsatz gemacht. Ihr bezahlt euch ja nicht selber für euer Zeug. Nur, das Finanzamt interessiert das gar nicht! Weg ist weg und irgendjemand MUSS dafür ja bezahlt haben, ne? Kein Mensch trinkt schließlich so viel Jägermeister selbst, ne?

Tja, und das ist der Punkt, an dem ihr, wenn ihr eine Flasche Jägermeister getrunken habt, nicht mehr 10 Euro verloren habt, sondern 100.

Der Umsatz fehlt nun in der Kasse. Wie gesagt interessieren die Gründe das Finanzamt nur peripher. Die sehen: X Jägermeisterflaschen gekauft, also wohl auch X Jägermeisterflaschen VERkauft. Und das Geld, bzw. ihren Teil davon, wollen die haben. Nur ist es ja nicht da. Und da drängt sich dann für die der Gedanke auf: Hm, ob da wohl was abgeknapst worden ist…?

Am Ende stellt ihr euch bitte vor, dass es nicht um eine Flasche geht. Auch nicht um 20. Sondern um eine halbe bis dreiviertel Flasche täglich, über die letzten drei Jahre.

Und das ist dann der Moment, wo der werte realitätsverweigernde Alki aufschreckt und plötzlich merkt, dass er gut 50.000 Euro Schulden hat. Die Steuer auf einen Umsatz, den er gar nicht hatte. Weil er zu blöd war, seinen Privatverbrauch auch privat zu kaufen, statt ihn über die Bücher laufen zu lassen. Dann hätte ihn die Flasche, wie jeden anderen Alki OHNE eigene Kneipe auch, weiterhin nur 10 Euro gekostet statt 100. Was immer noch so ein bisschen uncool wäre so auf lange Sicht, aber nur ein Zehntel so uncool wie auf die andere Art. Und das Finanzamt hätte nie was davon erfahren müssen.

Jetzt ist dieses Amt aber gar nicht so ungnädig wie sein Ruf. Es kommt einem in so einem Fall, vor allem, wenn man eigentlich als halbwegs seriöser Geschäftsmann gilt und geheime Konten auf den Cayman Inseln nicht auffindbar sind, durchaus auch mal entgegen. Da sagt es zum Beispiel: “Okay, aus einer Flasche kann man 50 Shots machen, theoretisch. Aber es geht ja auch mal was daneben, kippt um oder man schenkt ein bisschen über den Strich aus, damit die Leute nicht meckern oder weil das einfach menschlich ist. Sagen wir also: Eine Flasche sind 45 Shots. Das gilt übrigens auch für alle anderen Getränke, gerade bei Bier… wir nennen das “Schankverlust” und sind da kulant. Und außerdem, Sie haben doch Angestellte, nicht? Vertrauen Sie ihren Angestellten? Die Erfahrung sagt uns: Nur Narren vertrauen. Gehen wir also davon aus, dass sich ihre Angestellten in Laufe der Zeit das ein oder andere mal selbst aus der Kasse bedient haben… das können wir Ihnen natürlich auch nicht anlasten…”

Und so weiter und so fort. Das hängt natürlich auch davon ab, ob man einen erstklassigen Steuerberater hat, der jeden möglichen Winkelzug aus dem Effeff beherrscht. Geld kann immer mal verloren gehen, auf tausendfache, manchmal sogar geradezu magische Weise.

Aber all das reicht leider nicht. Es bleibt einfach immer irgendwie was übrig. Es geht immerhin um 10 ganze Jahre. Die waren zwar nicht alle so… exzessiv, aber ein bisschen was hat sich da schon angesammelt!

Eine gute Nachricht bleibt: Das Ganze ist zu bedeutungslos für den Knast. Aber es ist dennoch ein gewaltiger Schuldenberg.

Jetzt gibt es aber noch EINE Möglichkeit, an die ihr vielleicht auch schon gedacht habt, spätestens an der Stelle, wo ich die grundsätzliche Freundlichkeit des Finanzamtes beschrieb. Diese Möglichkeit ist nicht nur in dieser Geschichte eine gute Option, sondern sogar meistens in jeder Lebenslage die BESTE Option.

Sie lautet: Einfach die Wahrheit sagen.

Was, und das ist auch oft der Fall, leider alles noch schlimmer machen würde.

“Eine Gaststättenkonzession ist zu versagen, ohne dass die Erlaubnisbehörde ein Ermessen hat, wenn der Antragsteller nicht die notwendige Zuverlässigkeit besitzt, insbesondere weil er dem Trunke ergeben ist…”

Eine Gaststättenkonzession, vulgo Schanklizenz, ist nicht nur teuer, sondern in Deutschland Grundbedingung dafür, dass man eine Kneipe überhaupt betreiben darf. Natürlich gibt es mehr als einen listigen Wirt, der “dem Trunke ergeben” ist. Nur, solange alles läuft, interessiert das keinen. Und auch, wenn man sich selbst als jemand, der “dem Trunke ergeben” ist, tatsächlich noch einreden kann, dass alles ja irgendwie noch im Rahmen ist, selbst wenn man täglich eine halbe bis dreiviertel Flasche Jägermeister wegknallt… andere sehen das halt nicht so. Das FINANZAMT sieht das nicht so. Und weil die Realitätsverweigerung halt doch nicht groß genug ist, um selbst DAS nicht zu checken, hält man besser die Schnauze. So auch geschehen in unserer Geschichte.

Was bleibt, ist ein Berg Schulden, vor dem man steht und irgendwie versucht, alles am Laufen zu halten, auch wenn die Katastrophe absehbar ist und die Angestellten sich damit bescheiden müssen, ihr Geld auch mal ein paar Tage später zu bekommen. Sie sind ja froh, dass sie es überhaupt noch bekommen.

So schließt unsere Tragödie mit einem offenen Ende. And the rest is silence.

Ähm!

Veröffentlicht in Persönliches am 15. Mai 2013 von Robin Urban

Meine beiden Mitbewohner gehen auf eine Party, während ich zuhause bleiben und auf meinen Schichtantritt warten muss.

Ich: “Naja, wenn es scheiße ist und ihr noch Gelüste habt, kommt doch einfach bei mir vorbei!”

Dave: “…”

Ich: “Okay, das kam jetzt irgendwie falsch raus.”

Etikettenschwindel

Veröffentlicht in Ich liebe meinen Job, Schichtalltag mit den Tags , , , , , am 10. Mai 2013 von Robin Urban

Eine Gruppe Erstis bestellt bei mir eine Runde Obstler.

Oh-kay?! denke ich und notiere das Gewünschte kommentarlos. Komisch kommt mir das aber schon vor – Obstler oder Williams Birne sind ja doch eher so Sachen, die etwas ältere Semester, sprich Rentner, in sich reinschütten. Aber gut, wenn sie es so wollen…

Ich fülle den Obstbrand dort hinein, wo er hingehört (und zwar nicht in Schnapsgläser, sondern in kleine Schwenker) und bringe die Gläser zum Tisch, wo sie kritisch beäugt werden und schon erste leichte Unruhe aufkommt. Auch die Farbe, besser gesagt: Die fehlende Farbe sorgt für Stirnrunzeln.

Ich gehe zurück zur Theke und wische ein bisschen rum. Irgendwann später begebe ich mich wieder nach unten.
Zuerst sehe ich die leeren Gläser in der Tischmitte. DANN fünf bis sechs angewiderte, verzogene Gesichter.

“Hats geschmeckt?” frage ich sadistisch.

“Ääääh…” röchelt es mir kollektiv entgegen.

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. “Na, warum bestellt ihr auch Obstler?”

“Wir dachten, das wäre süß!” würgt ein Ersti-Bub hervor.

Mh-mh, Obst kann auch richtig brennen. Die erste Lektion in ihrem neuen Lebensabschnitt, die sie hoffentlich nie vergessen werden!

Stadtkinder *lol*

Schmeckt nicht gibts nicht

Veröffentlicht in Kotzleute mit den Tags , , , , , am 29. April 2013 von Robin Urban

Freitagabend, es war gerade Hochbetrieb, stand eine gelockte Blondine mit krausem Näschen vor der Theke und hielt uns unglücklich ihren Cider hin. Er täte ihr nicht schmecken.

Tja, nicht unser Problem, könnte man denken. Sie bestand aber drauf, dass damit irgendwas nicht stimmt, was natürlich nicht sein darf. Weil sie wegen fehlender Kohlensäure jammerte, checkte ich die Stickstoffflasche, aber das stand auf voll.
Während Sophie am Tisch versuchte, das mit ihr zu regeln, haute ich ein paar Stammgäste an, die IMMER Cider trinken, aber auch die bestätigten, dass alles in Ordnung sei. Als letzte Probe zapfte ich mir selbst ein bisschen Cider, trank davon einen winzigen Schluck und teilte Sophie mit verzogenen Gesicht mit: “Schmeckt genauso scheiße wie immer.” (Ein Gast an der Theke bekam daraufhin einen Lachanfall, von dem er sich erst Minuten später erholte!)

Die Trulla hatte inzwischen was anderes bestellt. Ich hatte den Vorfall schon fast vergessen, als ich Stunden später mit einem vollen Kasten aus dem Kühlraum kam und den Weg hoch zur Theke von einem Typen versperrt vorfand, der in eine heftige Diskussion mit Sophie verwickelt war. Es dauerte nicht lange, bis ich heraus fand, dass dieser Typ der Freund der Blondine war.

“Was ist denn los?”
Sophie sah mich mit blitzenden Augen an. “Die haben den Cider bezahlt, aber jetzt will er ihn wieder haben, weil sie ihn ja auch bezahlt hätten.”
Was für ein Quatsch! Es ist ja wohl klar, dass der directamente im Abfluss gelandet ist.

Bevor ich auch nur irgendwas sagen konnte, kam ein anderer Gast, ein Schrank von einem Kerl, der den Streit beobachtet hatte hinzu und fasste den Typen am Oberarm – und zwar ziemlich fest. “Jetzt halt mal den Ball flach!”
Ich sah mir den schraubstockartigen Griff an und war der Meinung, dass er seinen Rat lieber mal selbst beherzigen sollte. “Lass das!” herrschte ich und zog so lange an seiner Hand, bis er den Typen wieder los ließ (ich drängte mich sofort zwischen die beiden). Der war indes immer noch so auf Hundertachtzig, dass er diese kleine Eskalation nicht mal bemerkt hatte, was gut war, denn sonst wäre das vielleicht sogar in einer Schlägerei geendet. Und das nur wegen eines beschissenen kleinen Ciders für 2 Euro!

Der Typ laberte wieder auf Sophie ein, wodurch ich sein Problem in Grundzügen präsentiert bekam: Er war nach wie vor der Meinung, dass der Cider nicht in Ordnung gewesen war und wir ihn deshalb anstandslos hätten ersetzen müssen, ohne dass seine Freundin ihn hätte bezahlen müssen. Sophie hielt dagegen, dass das Getränk nicht anders schmeckte als sonst und es nicht unsere Schuld ist, wenn sie es halt nicht mochten.

Das sah der Typ nicht ein und diskutierte hartnäckig weiter. Seine Freundin war davon eindeutig genervt. “Nein, es geht ums Prinzip!” fuhr er sie an, als sie verkündete, dass für sie “der Laden gestorben” sei und sie dennoch keinen Bock mehr habe, weiter rumzukrakelen. “Ich bleibe hier stehen bis morgen früh, wenn nötig!”
Sein wütender Blick fiel auf mich. “Und die Polizei-Eskorte müsst IHR bezahlen!”

An dieser Stelle konnte ich nicht anders: Ich grinste unübertroffen arrogant. “Nein, müssen wir nicht.”
Etwas, was der Kerl wohl nicht wusste, dabei ist das ja wohl nur logisch. Warum sollen wir einen Polizeieinsatz bezahlen, wenn ein Gast randaliert oder sich weigert, zu gehen? Wofür haben wir denn die Polizei?
Meine selbstsichere Miene brachte ihn völlig aus der Fassung. “Na, dann…” grummelte er, bevor er sein Lamento wieder von vorne anstimmte.

Inzwischen hatte ich mir die Karte geschnappt und war froh, genau das zu sehen, was ich sehen wollte: Die Marke unseres Ciders stand dabei. Ich hielt ihm das also unter die Nase. “Hier, da könnt ihr sehen, was für eine Marke wir servieren. Wenn euch die nicht schmeckt, tut es mir leid, aber da können wir leider nichts dafür.”
Der Kerl beachtete einen Einwurf gar nicht. “Was ihr da auftischt, schmeckt nicht wie Cider, der ist anders!”
“DOCH ist das Cider, nur gibt es halt viele verschiedene Sorten! Und solange wir in die Karte schreiben, welche Sorte wir anbieten, könnt ihr euch nicht beschweren, wenn ihr eine andere erwartet habt!”
“Wenn wir Cider im Supermarkt kaufen, schmeckt der anders,” beharrte der Typ unbeirrt weiter. Ähm, ja, eigentlich ist das genau das, was ich auch sagen wollte…
Und dann, unglaublicherweise: “Was ihr anbietet, ist kein Cider!”

Langsam wurde es 1. langweilig und 2. ärgerlich. Wie gesagt, es ging um 2 Euro!

“Alter, wir haben ALLES gecheckt und außer euch hat sich KEINER beschwert. Unser Cider schmeckt IMMER so! Wie gesagt, es tut mir ja wirklich leid, wenn er euch…”
“Ah, tolles Argument! Wenn wir” – damit meinte er wohl seine Firma – “ein kaputtes Auto abliefern und die Leute sich beschweren, sagen wir einfach auch mal: ‘Das ist immer so’! Lächerlich!!!”

Sophie kochte neben mir, alle anderen Gäste wurden auch langsam unruhig, vor allem, da sie nicht mehr bedient wurden, weil wir uns ja mit diesem saublöden Arschloch rumschlagen mussten. Ich starte einen letzten Versuch einer Erklärung und beschloß, falls das nicht hilft, die Diskussion sein zu lassen und so langsam mit der Polizei zu drohen.
“Okay, pass auf… wenn du, sagen wir, Cola bestellst…”
“Es geht nicht um Cola! Ich…!”
“Hör mir zu. Wenn du Cola bestellst und…”
“Ich sehe nicht ein, warum…!”
“Alter, lass mich ausreden!!”
“Reden Sie nicht so mit mir!! Ich bin auch nicht laut geworden!!”
“Oh doch, bist du, und jetzt hör mir zu!!”

… er hörte mir nicht zu -.-

(Was ich sagen wollte war: Wer eine Cola bestellt, darf sich nicht beschweren, wenn er keine Coca Cola bekommt, wenn Pepsi eindeutig in der Karte steht, denn “Cola” ist nur ein Oberbegriff, mit dem nicht automatisch “Coca Cola” gemeint ist. Kurz gesagt: Wer lesen kann, ist klar im Vorteil!)

Jegliche Diskussion war völlig sinnlos, also ließen wir den Typen einfach stehen und gingen dazu über, wieder Leute zu bedienen. Kurz darauf demonstrierte er dann auch sein bemerkenswertes Durchhaltevermögen und verpisste sich zusammen mit seiner Freundin.

Sämtliche Mitglieder dieser Gruppe waren übrigens übertrieben gut gekleidet und wirkten wie üble Bonzen. Aber zwei Euro sind zwei Euro, da wird man doch mal fast einen Polizeieinsatz auslösen dürfen, selbst wenn man im Unrecht ist!

Chefs unterirdischer Humor

Veröffentlicht in Schichtalltag, Kotzleute mit den Tags , , , , , , , , , , , , am 11. April 2013 von Robin Urban

Ich: “Hör mal, gestern haben ein paar Leute Likör 43 pur als Shot bestellt, wir wussten aber nicht, wie viel wir dafür verlangen sollten, weil er nicht auf der Karte steht. Wir haben dann 2,50 dafür genommen. War das okay?”

Chef: “Ja, das ist in Ordnung.”

Ich: “Alles klar.”

Chef: “Jaaa, ich muss mal wieder Milch kaufen. Wobei…” (er schenkt mir einen listigen Seitenblick) “Ihr Mädels habt ja eure Milch immer dabei!” (deutet in Brusthöhe Quetschbewegung an)

Ich: “…”

Chef, nachdem sein keckerndes Lachen langsam erstirbt: “Man wird ja mal einen Witz machen dürfen!”

Ein Witz? Hab ich keinen bemerkt. Ihr?

Don’t mess with the woman in white

Veröffentlicht in Leute und Location, Thekengespräche mit den Tags , , , , , , , , , , , am 9. April 2013 von Robin Urban

Juanita, unsere Ex-Kollegin, die immer donnerstags gearbeitet hat und eigentlich Lehrerin ist, heiratet. Und zwar einen Stammgast, weshalb die halbe Stammkundschaft bei der Hochzeit eingeladen ist.

Chef hat uns darauf schon Wochen zuvor vorbereitet und meinte, wir sollten kucken, dass wir an dem Tag nichts vor haben – nicht, weil wir eingeladen sind, sondern weil er gerne zwei oder drei von uns als Bedienung abbestellen würde.
Ich fand den Gedanken nicht übel. Ich habe schon öfter auf Hochzeiten oder anderen Feierlichkeiten ausgeholfen. Meistens wird man da besser bezahlt, gleichzeitig ist es aber auch viel lockerer und vom Buffet darf man sich auch bedienen!

Woran ich NICHT gedacht hatte: Bei solchen Veranstaltungen sollte man etwas schicker daher kommen als zur normalen Arbeit. Als mir das klar geworden ist, habe ich die Sache im Geiste abgehakt. Ich hätte zwar nicht ungern dort gearbeitet, aber dass ich mich dafür verkleide und auch noch Geld ausgeben muss, um mir was passendes zu kaufen, geht leider gar nicht klar.

Das war auch gar nicht schlimm, denn Chef hatte bereits eine Auswahl getroffen: Peggy und Johanna sollten aushelfen, was zumindest Johanna etwas befremdete, denn er hatte sie nicht mal gefragt. Und ich war auch etwas angepisst, weil damit wieder mal klar war, wer sein Schätzchen momentan ist (nämlich Peggy…).

Aber, wie gesagt: Eigentlich wollte ich ja sowieso nicht mitarbeiten, daher war es okay.

Chef hatte zusammen mit Rico, dem unendlich nervigen Stammgast, geplant, den Sektempfang auszurichten. Rico ist dafür sogar qualifiziert, denn er hat lange im Hotelbetrieb seiner Eltern mitgearbeitet, bevor es ihn zu neuen Ufern lockte. Alles könnte somit relativ easy laufen, wenn die beiden nicht aus dem dümmsten Grund ever völlig austicken würden.

Die Location steht, die Getränke auch, die Deko ebenfalls. Was zu planen blieb, waren die Bedienungen. Chef und Rico hatten sich in den Kopf gesetzt, dass diese in schwarzer Hose und weißer Bluse auflaufen sollten, ganz edel halt, so richtig 5-Sterne-Kellner-mäßig (und das war auch der Punkt, an dem ich mich ausgeklinkte, denn ich besitze weder das eine, noch das andere, zudem auch keine ordentlichen Schuhe, die dazu passen würden). Nur gefiel das Juanita nicht. Ich bekam mit, wie sie sich mit Peggy darüber unterhielt und beschloss, dass ihr schwarze Hose und schwarze Bluse besser gefallen würde.

Meine Meinung dazu ist neutral. Ich finde, es sieht beides gleich seriös und kellnermäßig aus.

Aber Chef und Rico sind fast ausgerastet, als sie hörten, dass ihr Beschluss geändert werden sollte.
Sie saßen beide allein an der Theke, während ich dahinter stand, und gingen voll ab. “Schwarz auf schwarz, wie sieht denn das aus, wie auf einer Beerdigung! Ich glaub, es hackt!” ereiferte sich Rico.
“Ja, das ist totaler Mist! Kellnerinnen haben weiße Blusen! Das ist beschlossene Sache! Immerhin richten wir das ja auch aus!”
“Genau, wir bezahlen es schließlich auch!”
Chef blinzelte einmal überrascht. “Wir bezahlen es?”
“Ja, das ist doch unser Geschenk an den Bräutigam! Der weiß natürlich nichts davon! Aber wenn wir dann sagen, es gibt weiße Blusen, dann gibt es weiße Blusen, aber Hallo!!”

So ging es noch eine Weile hin und her… Sie schaukelten sich gegenseitig hoch in ihrer Wut, während ich zuhörte und einfach nur baff war. Und irgendwann konnte ich nicht mehr schweigen.
“Jungs, ganz ehrlich… seid ihr wahnsinnig? Ihr stellt euch gegen den Willen der Braut? Haha, viel Spaß…” Ich schüttelte ungläubig den Kopf.

Rico funkelte mich an. “Das geht dich nichts an! Bei sowas nimmt man weiße Blusen, das weiß man doch!”
“Ja, kann sein, aber wenn die Braut was anderes will, macht man das so, oder nicht?”

Chef winkte meinen Einwand heftig weg und ließ keinen Zweifel daran, dass ich wieder mal keine Ahnung von nichts habe. Bald darauf meckerten sie weiter und ignorierten mich und meinen Einwand völlig. Das gipfelte irgendwann sogar in dem Satz: “Wenn die schwarz auflaufen sollen, dann können die ihre Planung allein machen, dann bin ich raus!”

Immer noch kopfschüttelnd, aber auch breit grinsend entfernte ich mich. Ist es ein Wunder, dass beide keine Frau haben? Wenn man nicht mal bei der Hochzeit die Wünsche der Braut berücksichtigt… Aaalter, sowas ist doch echt lebensmüde. Zumal es den Bräutigam einen Scheißdreck interessiert, ob die Kellnerinnen in schwarz oder weiß daher kommen. Warum ist es dann den beiden so ultra wichtig?

Und diese Logik! Wollen dem Bräutigam den Sektempfang bezahlen, wovon der gar nichts weiß, aber dann alles bestimmen, weil SIE den Empfang ja schließlich bezahlen. Alles klar, wenn meine “Freunde” so auf mich zu kämen vor meiner Hochzeit, würde ich den Scheiß lieber selbst bezahlen.

Alle Kellnerinnen und auch der Rest der Stammkundschaft verstehen nicht, warum Chef und Rico so auf ihrer Version bestehen, obwohl jeder mit mir der Meinung ist, dass man bei einer Hochzeitsfeier das tut, was die Braut will, und wenn diese die einzige Frau in weiß sein will, dann hält man sich gefälligst daran. Leider sieht es momentan so aus, dass sie sich mit ihren weißen Blusen sogar durchsetzen werden, weil die Braut wohl durchaus angepisst von dieser Diskussion, aber doch verständiger ist, als es ihrer Stellung entspräche.

Naja. Andererseits muss man Chef und Rico schon auch verstehen. Wer weiß, wie lange sie schon von einer Hochzeit mit weißbeblusten Kellnerinnen träumen -.- Vielleicht haben sie als kleine Backfische schon ein extra Hochzeitsalbum angelegt und lauter kleine Herzchen neben die Bildchen von den schicken Kellnerinnen gemalt…

Robin to the rescue

Veröffentlicht in Ich hasse meinen Job, Ich liebe meinen Job mit den Tags , , , , , , , am 7. April 2013 von Robin Urban

Als ich am Mittwoch um ziemlich genau vier Uhr morgens (also eigentlich schon Donnerstag) im Bett mit geschlossenen Augen auf dem Rücken lag und die Hände auf meinem Bauch gefaltet im Versuch scheiterte, das Power Rangers Intro aus meinem Kopf zu kriegen (aus Gründen), klingelte plötzlich mein Handy.

Sofort war ich hellwach, vor allem, als ich die Nummer sah: die Arbeit. Direkt schossen mir Horrorvisionen von irgendwelchen Perversen, die sich mit teuflischen Grinsen an meine Kollegin ranmachen und ihr, wie sie einfach irgendjemanden aus dem verbarrikadierten Hinterraum um Hilfe anruft, durch den Kopf, also beeilte ich mich, ranzugehen.

“Ja?!”
“Hi, Robin, hier ist Lena. Ähm, ich habe ein Problem. Ich habe meinen Schlüssel vergessen…”
Och NEE!!
“… und kann jetzt nicht absperren.”
Na, logisch!

Einen Moment war ich sprachlos. Ich habe ja so gewusst, dass irgendjemanden von uns das irgendwann einmal passiert. Gott sei Dank nicht mir. Aber warum werde ich jetzt angerufen?

“Ähm. Scheiße.”
“Ja, also, ich weiß jetzt nicht, was ich machen soll. Ich bin ja mit dem Auto da und könnte meinen Schlüssel holen gehen, aber ich kann die Kneipe ja nicht offen lassen.”
Wieder logisch.
“Ich dachte, naja, wenn ich dir ein Taxi schicke, vielleicht kannst du dem den Schlüssel mitgeben?”

Eine mehr als beschissene Idee. Taxifahrer sind zwar im allgemeinen mit die vertrauenswürdigsten Personen in einer nächtlichen Stadt, aber unseren Spezialschlüssel einfach aus der Hand zu geben, würde mir wohl zurecht einen gigantischen Arschaufriss von Chef einbringen.

Es war klar, worauf das hinaus lief: Ich musste selber hin! Oh Mann!

“Hast du schon mal bei den anderen probiert? Ich wohne doch am weitesten weg, nur Peggy hat noch nen längeren Weg. Ich glaube, Sophie wohnt um die Ecke?”
“Nö, hab sonst nirgends probiert,” ließ Lena vernehmen. Dann folgte Stille.

Seufz.

“Einen Moment, ich kuck mal, ob einer meiner Mitbewohner noch wach ist… ich leg dich mal grad weg, ich muss mich anziehen…” Ich legte das Handy beiseite und streifte mein Evakostüm ab, in dem ich schlafe. Dann checkte ich die Mitbewohnersituation. Nee, kein Licht mehr, kein Geräusch. Also niemand, der mich fahren kann.

Doppel-Dreifachseufz.
“Okay… ich bestelle mir dann eben ein Taxi und komme gleich,” ergab ich mich meinen Schicksal. Uuuunglaublich! Ich war gerade so schön am Einschlafen gewesen!

Nach fünf Minuten war das Taxi da und ich stieg triefäugig (und, der Vollständigkeit halber, ohne BH) ein. Der Taxifahrer war leider von der leicht arschlöchigen Sorte, denn mein latentes und wohl auch ziemlich wirres, da schlaftrunkenes Gemecker über Lena verhallte unkommentiert, grmpf.
Bei der Arbeit angekommen bat ich ihn, eine Quittung zu schreiben und ging mir von Lena Geld holen. Es geht nämlich gar nicht klar, dass ich das auch noch bezahle!

Lena begrüßte mich wortreich und entschuldigte sich tausendmal. In dem Moment war ich nicht mal mehr sauer, weil ich so müde war. Während sie die letzten Handgriffe machte, legte ich den Kopf auf die Theke und schloss die Augen, damit ich den Aschenbecher direkt vor meiner Nase nicht sehen musste. Nicht mal rauchen wollte ich!

Bevor wir endlich wieder gehen konnten, legte sie mir 10 Euro von ihrem Trinkgeld auf die Theke. Ich schob den Schein wieder zurück. “Bescheuert? Behalt dein Trinkgeld.”
“Ja, aber du bist doch jetzt extra gekommen…”
“Egal. Das kann ja mal passieren…”

Widerwillig steckte Lena ihr Geld ein. Endlich konnten wir los! Sie wollte mich dann wenigstens heimfahren.
Leider parkte sie wie immer irgendwo in einer anderen Zeitzone -.- Doch irgendwann waren wir da, ich lotste sie zu meiner Wohnung, was in meinem Zustand Schwerstarbeit war, und endlich hätte dieses Intermezzo beendet sein können, wenn Lena aufgehört hätte, sich zu bedanken.

Ich kann jetzt nicht sagen, dass es wahnsinnig toll war, mitten in der Nacht wegen ihr zur Arbeit fahren zu müssen, aber das war jetzt auch keine solche Katastrophe oder ein so riesiges Opfer, dass Äußerungen wie “Ehrlich, Robin, du bist so ein guter Mensch!” gerechtfertigt wären o.O Das war mir schon fast ein bisschen peinlich.
Sie bestand auch darauf, irgendetwas für mich zu tun, wenn sie mir schon keinen Teil von ihrem Trinkgeld geben durfte. “Nächstes Mal, wenn du arbeitest und ich privat da bin, gibste mir ein Bier aus,” entschied ich, damit ich endlich ins Bett konnte.

Lena hatte zugestimmt. Nichtsdestotrotz bekam ich Freitagmittag eine SMS:
Wenn du heute zur Arbeit gehst, kuck mal in die Küche, da liegt was für dich ;)

“Hoffentlich Alkohol, hoffentlich Alkohol,” dachte ich, als ich auf die Arbeit kam. Letztendlich entpuppte sich dieses Etwas als eine Flasche Absolut Vodka, ein Gesöff, das ich noch nie in meinem ganzen Leben gekauft habe, weil es mir zu teuer ist.

Völlig übertrieben. Aber nett :) Vor allem das Gesicht von Chef war ziemlich göttlich ^^

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