Heute erzähle ich euch eine Geschichte von einem Alkoholiker, der an einer galoppierenden Realitätsverweigerung litt. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig. Es ist nicht so, dass irgendwas davon wirklich passiert ist. Ich stelle nur Hypothesen auf und… plaudere nur.
Eine kleine Rechnung für euch:
Nehmen wir an, eine 1l Flasche Jägermeister kostet 10 Euro. Wenn ihr die Flasche sauft, habt ihr also im Grunde 10 Euro verloren. Soweit klar, ne?
Jetzt nehmen wir weiter an, ihr hättet ne Kneipe. Dort verkauft ihr Jägermeister. Jeder Shot kostet 2 Euro und weil ein Shot 2cl sind, kriegt ihr aus einer Literflasche Jägermeister 50 Shots raus. 50 mal 2 sind 100. 100 Euro, um genau zu sein. Ihr habt also mit dieser Flasche 100 Euro Umsatz gemacht!
So, aber in Deutschland gibts Steuern, also kommt an dieser Stelle das Finanzamt ins Spiel. Das sagt dann sowas wie: “Ich sehe, du hast diesen Monat eine Flasche Jägermeister beim Großhandel gekauft und diese ausgeschenkt. Schön! Wir hätten dann gern was vom Umsatz. Sagen wir, die Hälfte. Also 50 Euro. Deal? Deal!”
Stellt euch jetzt bitte vor, es ginge nicht um eine Flasche im Monat, sondern um 20. Und stellt euch außerdem vor – und hier wirds knifflig – ihr hättet diese Flaschen gar nicht shotweise verkauft. Nein, ihr habt sie euch selbst in den Schlund geschüttet! Damit habt ihr aber leider keinen Umsatz gemacht. Ihr bezahlt euch ja nicht selber für euer Zeug. Nur, das Finanzamt interessiert das gar nicht! Weg ist weg und irgendjemand MUSS dafür ja bezahlt haben, ne? Kein Mensch trinkt schließlich so viel Jägermeister selbst, ne?
Tja, und das ist der Punkt, an dem ihr, wenn ihr eine Flasche Jägermeister getrunken habt, nicht mehr 10 Euro verloren habt, sondern 100.
Der Umsatz fehlt nun in der Kasse. Wie gesagt interessieren die Gründe das Finanzamt nur peripher. Die sehen: X Jägermeisterflaschen gekauft, also wohl auch X Jägermeisterflaschen VERkauft. Und das Geld, bzw. ihren Teil davon, wollen die haben. Nur ist es ja nicht da. Und da drängt sich dann für die der Gedanke auf: Hm, ob da wohl was abgeknapst worden ist…?
Am Ende stellt ihr euch bitte vor, dass es nicht um eine Flasche geht. Auch nicht um 20. Sondern um eine halbe bis dreiviertel Flasche täglich, über die letzten drei Jahre.
Und das ist dann der Moment, wo der werte realitätsverweigernde Alki aufschreckt und plötzlich merkt, dass er gut 50.000 Euro Schulden hat. Die Steuer auf einen Umsatz, den er gar nicht hatte. Weil er zu blöd war, seinen Privatverbrauch auch privat zu kaufen, statt ihn über die Bücher laufen zu lassen. Dann hätte ihn die Flasche, wie jeden anderen Alki OHNE eigene Kneipe auch, weiterhin nur 10 Euro gekostet statt 100. Was immer noch so ein bisschen uncool wäre so auf lange Sicht, aber nur ein Zehntel so uncool wie auf die andere Art. Und das Finanzamt hätte nie was davon erfahren müssen.
Jetzt ist dieses Amt aber gar nicht so ungnädig wie sein Ruf. Es kommt einem in so einem Fall, vor allem, wenn man eigentlich als halbwegs seriöser Geschäftsmann gilt und geheime Konten auf den Cayman Inseln nicht auffindbar sind, durchaus auch mal entgegen. Da sagt es zum Beispiel: “Okay, aus einer Flasche kann man 50 Shots machen, theoretisch. Aber es geht ja auch mal was daneben, kippt um oder man schenkt ein bisschen über den Strich aus, damit die Leute nicht meckern oder weil das einfach menschlich ist. Sagen wir also: Eine Flasche sind 45 Shots. Das gilt übrigens auch für alle anderen Getränke, gerade bei Bier… wir nennen das “Schankverlust” und sind da kulant. Und außerdem, Sie haben doch Angestellte, nicht? Vertrauen Sie ihren Angestellten? Die Erfahrung sagt uns: Nur Narren vertrauen. Gehen wir also davon aus, dass sich ihre Angestellten in Laufe der Zeit das ein oder andere mal selbst aus der Kasse bedient haben… das können wir Ihnen natürlich auch nicht anlasten…”
Und so weiter und so fort. Das hängt natürlich auch davon ab, ob man einen erstklassigen Steuerberater hat, der jeden möglichen Winkelzug aus dem Effeff beherrscht. Geld kann immer mal verloren gehen, auf tausendfache, manchmal sogar geradezu magische Weise.
Aber all das reicht leider nicht. Es bleibt einfach immer irgendwie was übrig. Es geht immerhin um 10 ganze Jahre. Die waren zwar nicht alle so… exzessiv, aber ein bisschen was hat sich da schon angesammelt!
Eine gute Nachricht bleibt: Das Ganze ist zu bedeutungslos für den Knast. Aber es ist dennoch ein gewaltiger Schuldenberg.
Jetzt gibt es aber noch EINE Möglichkeit, an die ihr vielleicht auch schon gedacht habt, spätestens an der Stelle, wo ich die grundsätzliche Freundlichkeit des Finanzamtes beschrieb. Diese Möglichkeit ist nicht nur in dieser Geschichte eine gute Option, sondern sogar meistens in jeder Lebenslage die BESTE Option.
Sie lautet: Einfach die Wahrheit sagen.
Was, und das ist auch oft der Fall, leider alles noch schlimmer machen würde.
“Eine Gaststättenkonzession ist zu versagen, ohne dass die Erlaubnisbehörde ein Ermessen hat, wenn der Antragsteller nicht die notwendige Zuverlässigkeit besitzt, insbesondere weil er dem Trunke ergeben ist…”
Eine Gaststättenkonzession, vulgo Schanklizenz, ist nicht nur teuer, sondern in Deutschland Grundbedingung dafür, dass man eine Kneipe überhaupt betreiben darf. Natürlich gibt es mehr als einen listigen Wirt, der “dem Trunke ergeben” ist. Nur, solange alles läuft, interessiert das keinen. Und auch, wenn man sich selbst als jemand, der “dem Trunke ergeben” ist, tatsächlich noch einreden kann, dass alles ja irgendwie noch im Rahmen ist, selbst wenn man täglich eine halbe bis dreiviertel Flasche Jägermeister wegknallt… andere sehen das halt nicht so. Das FINANZAMT sieht das nicht so. Und weil die Realitätsverweigerung halt doch nicht groß genug ist, um selbst DAS nicht zu checken, hält man besser die Schnauze. So auch geschehen in unserer Geschichte.
Was bleibt, ist ein Berg Schulden, vor dem man steht und irgendwie versucht, alles am Laufen zu halten, auch wenn die Katastrophe absehbar ist und die Angestellten sich damit bescheiden müssen, ihr Geld auch mal ein paar Tage später zu bekommen. Sie sind ja froh, dass sie es überhaupt noch bekommen.
So schließt unsere Tragödie mit einem offenen Ende. And the rest is silence.
