Ersti-Tour I.: Get the fuck out of my way!!!

Die Ersti-Kneipenführungen also. Gibt es jeder Jahr zum Wintersemester und wird von diversen Fachschaften angeboten. Dazu sammeln die Tutoren der jeweiligen Fachschaft alle trinkfreudigen Neustudenten in der Stadt um sich, teilen sie in Gruppen auf (meistens so um die 20 Leute) und besuchen mit denen dann im Stundentakt verschiedene Kneipen (denen sie ihr Kommen im Idealfall ankündigen und damit Tische reservieren, doch es gab natürlich auch schon Fälle…!). Dient einerseits dazu, die Kneipen und damit die neue Stadt überhaupt erst mal kennen zu lernen, andererseits dazu, schon erste Kontakte zu knüpfen. Und das übergeordnetste Ziel ist natürlich saufen!

Letztes Jahr hatte ich schon zwei Monate in der Kneipe gearbeitet und war zu dem Zeitpunkt die einzige, die auch unter der Woche arbeitete, aber bei den Ersti-Touren durfte ich trotzdem nicht zum Zuge kommen. Jens meinte damals, ich käme damit noch nicht klar (was nicht stimmte), deshalb sollten Chrissi und Suse das machen.

Ich habe damals nicht protestiert. Ich glaubte den wahren Beweggrund zu verstehen: Ersti-Touren sind hammermäßig anstrengend (an einem Abend habe ich mir das als Gast angesehen), aber bringen durch die hohe Gast-Fluktuation auch gut Schotter für die Kellnerinnen. Irgendwie logisch, dass die Dienstältesten mit solchen Schichten “belohnt” werden. Ich fand das okay, dachte aber dieses Jahr gleichzeitig, dass diese Politik bei mir ebenso greift.

Jens war da anderer Meinung. “Es ist ungerecht gegenüber den Jungs, wenn du alle Schichten machst,” meinte er auf meinen dezenten Hinweis, dass ich die Schichten übernehmen sollte. Das fand ich… naja. Zumal es dieses Jahr WIRKLICH so ist, dass die Jungs diese Schichten noch nicht schaffen werden – richtigen Hochbetrieb haben die noch nicht erlebt!
Ich war wirklich beleidigt, dass er mir, die ich mich extrem reinhänge und mehr Schichten übernehme als es die anderen jemals getan haben, dieses Privileg nicht zugestehen wollte, wollte das aber natürlich auch nicht SO sagen. Tja, Das hat sich dann von selbst erledigt, als er einsehen musste, dass die Jungs das tatsächlich noch nicht packen. Deshalb habe ich nun alle Schichten (genau wie ich es wollte, doch wie man im Beitrag vorher sieht, hält mich das nicht vom Jammern ab :mrgreen: ).

Für gestern hatte sich die Fachschaft Lehramt mit ihrer ersten Gruppe für 19 Uhr angekündigt. Ich fing also schon eine Stunde früher an als sonst, aber natürlich kamen die ersten erst um halb acht. Naja, nicht schlimm, alles noch im grünen Bereich.
Jens arbeitete zur Abwechslung mal mit. Er war sogar noch sehr nüchtern und so klappte auch alles wunderbar. Nachdem ich die Bestellungen aufgenommen und die Anzahl der Gäste (26) notiert hatte, machte er für alle Schnaps fertig. Bei uns kriegen nämlich alle Erstis, die bei einer Kneipentour mitmachen, einen Schnaps aufs Haus. Außerdem dürfen die Tutoren umsonst trinken (was mir viele fassungslos-begeisterte Blicke eingebracht hat. Ich hoffe, das spricht sich rum!).
Während er die Schnäpse wegbrachte und eine kleine Ansprache hielt (“Willkommen Erstis, viel Spaß und kommt wieder blabla”), fing ich mit den Getränken an. Er machte dann die Biere fertig, ich brachte alles weg und alle waren versorgt und glücklich. Eine halbe Stunde später waren sie wieder weg, hatten ein ordentliches Trinkgeld dagelassen und ich hatte grade genug Zeit, alles sauber zu machen, bis die nächste Gruppe auftauchen sollte.

Eine Stunde später warteten wir darauf noch immer.

Jens war sauer. Kann ich verstehen. Was er mir so erzählt hat über die Organisation dieser Veranstaltung aus den letzten Jahren bringt mich wirklich dazu, mich für meine Zunft zu schämen. Die Zunft der Studenten, nicht die der sexy Kellnerinnen, versteht sich. Offensichtlich ist es eine fast unlösbare Aufgabe, eine solche Veranstaltung bei den jeweiligen Kneipen anzumelden und diese dann auch wirklich rotationsmäßig zu nutzen. Es ist schon mehr als einmal vorgekommen, dass mal längere Zeit niemand da war, dafür dann aber zwei Gruppen gleichzeitig auftauchten. 50 Leute auf einmal, der pure Horror!

Wir langweilten uns also. Es waren nur zwei Stammgäste da und ein mir ebenfalls nicht unbekannter Typ, der an der Theke aufgetaucht war und schweigend sein Bier trank. Beunruhigt merkte ich, dass Jens offensichtlich so unausgelastet war, dass er schon wieder anfing, einen Jägermeister nach dem anderen zu kippen. Bald bekam er den für ihn typischen starren Blick und seine Sprachfähigkeit begann zunehmend zu leiden.

Außerdem tat er das, was er immer tat, wenn er gleichzeitig betrunken ist und nichts zu tun hat: mit mir meckern. “Dein Rucksack… ich hab dir schon tausendmal gesagt… man kommt so gar nicht an den Kühlschrank dran!”
Es handelte sich dabei um den Kühlschrank im Nebenraum. Darin sind im Prinzip nur Zitronen und Orangen für Tequila und die Baquettes, die wir aufbacken. Es sind schon viele Schichten vergangen, während denen ich den Kühlschrank nicht ein einziges Mal öffnen musste. Es ist also völlig unerheblich, dass der Rucksack den Kühlschrank blockiert, zumal man ihn ja auch wirklich nur auf die Seite schieben muss und schon ist das Problem gelöst. Sonst gibt es halt einfach auch keine Ablageflächen im Nebenraum.

Jens wollte, dass ich den Rucksack in den Kühlraum lege. Dabei hatte ich mein Notebook dabei und für das ist ein solcher Temperatursturz bestimmt nicht besonders gesund. Dabei hatte ich es übrigens, weil ich mir neben der eigentlichen Arbeit auch noch Gedanken drüber mache, wie die Ersti-Touren zu einem Erfolg für die Kneipe werden können und im Endeffekt zuhause über eine Stunde an einer neuen Playlist gearbeitet habe, in die ich schon rockige, aber mehr bekannte und damit auch für junge Menschen massenkompatiblere Songs klatschte, die zudem auch noch durchweg fröhlich und gutgelaunt waren. Psychologie zum täglichen Gebrauch also, was die Erstis dazu bringen sollte, die Kneipe positiv zu assoziieren und damit natürlich auch wieder zu kommen. Weil ich, obwohl ich daran zuhause unter Hochdruck gearbeitet habe, nicht fertig geworden bin, habe ich mein Notebook mitgenommen und dort die letzten zwei CDs gebrannt.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich gebe mir verdammt viel übertriebene Mühe, damit diese Kneipe gut ankommt, also soll er verdammt noch mal aufhören, mich mit diesen Kinkerlitzchen zu nerven, nur weil etwas von mir vor einem Gerät liegt, das er sowieso nicht benutzt, weil er sich überhaupt nicht nach dem Zeug im Kühlschrank bücken kann, weil er verdammt noch mal zu fett dafür ist!!!

An einem normalen Tag wäre das alles vermutlich gut ausgegangen, aber weil ich in Erwartung eines baldigen Ersti-Unwetters gestresst war und daher auf diese Scheiße schon dreimal keinen Bock hatte, wuchs sich das zum handfesten Streit aus. Die Stammgäste, die im Übrigen auf meiner Seite waren, schauten verstört zu.

Letztendlich habe ich meinen Rucksack dann weggebracht (in den Abstellraum, nicht in den Kühlraum). Die Stimmung, falls zuvor vorhanden, war dahin, daran haben auch Sum41 und Blink182 nichts geändert.

Und dann, nach einer weiteren unerträglichen halben Stunde, tauchte eine neue Gruppe auf. Arbeit, yay!

Ich notierte die Bestellungen und eilte wieder hoch. “17 sinds,” teilte ich Jens mit. Der glotzte mich triefäugig an. “Toll,” lallte er in einem Ton, im dem er auch “Scheiße” hätte sagen können.

Ich war verwirrt, denn er machte nicht die geringsten Anstalten, die Schnäpse vorzubereiten, also tat ich das selbst. Als ich fertig war und er weiterhin keine Reaktion zeigte, streckte ich ihm das volle Tablett hin. “Willst du oder soll ich?”
Jens verzog das Gesicht. “Neeeee, mach du das ruhig, tze.”
Meine Konfusion wuchs immer mehr. Sonst lässt er doch keine Gelegenheit aus, sich als Chef zu präsentieren. Aber es ging noch weiter. “Solange der da” – er meinte den Typen, der unschuldig an der Theke saß und noch keinen Pieps von sich gegeben hatte – “da sitzt, mach ich gar nix mehr. Ich kann den nicht leiden.”

Es gab noch nicht viele Gelegenheiten in meinem Leben, in denen mir wirklich und wahrhaftig der Mund offenstand. Diese war eine solche Gelegenheit. “Willst du mich verarschen?! Du willst mir nicht mehr helfen, weil du den nicht leiden kannst?! Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun?!”
Jens beantwortete diese Frage nicht. Stattdessen wollte er, dass ich den Typen, den ich als Gast kenne, der ruhig seine paar Bier trinkt und dann widerspruchslos bezahlt und ein gutes Trinkgeld da lässt, einfach rausschmeiße. Ich weigerte mich! “Du bist doch da, also schmeiß ihn selbst raus, ich mach das sicher nicht!!”

Aber Jens blieb unerbittlich. Er wollte mir nicht mehr helfen, bis der Typ draußen war. “Okay, dann mach ich halt alles alleine!” fauchte ich. “Und wenn du mir schon nicht hilfst, dann geh mir wenigstens aus dem Weg!!!”

Ich scheuchte Jens vor mir her die Treppe runter, an deren Ende er sich umdrehte und ein “Man kann auch freundlichere Worte wählen” in meine Richtung nuschelte. Ich ignorierte ihn und schaffte es, obwohl ich wirklich auf 180 war, die Erstis freundlich zu begrüßen und ihre Freigetränke abzuliefern.
Als ich wieder nach oben kam, saß Jens vor der Theke, dafür stand einer der Stammgäste dahinter. Eine Frau, die in einem Hotel arbeitet und spontan als Hilfe einsprang. Diese Runde Getränke wurde also auch termingerecht abgeliefert, woran der Herr Chef nicht den geringsten Anteil hatte!

Bald darauf watschelte er heim (übrigens ohne diesen Typen rauszuschmeißen) und die Stammgäste fielen mit Beleidsbekundungen über mich her. Das war aber auch so ziemlich der größte Hammer, den er sich je geleistet hat! Mich einfach mit der ganzen Arbeit allein zu lassen! Und die Begründung! Gestattet mir, dass ich mal kurz kotzen gehe!!
Gestern Abend dachte ich, dass dies seine Rache für den Streit, den wir gehabt hatten, gewesen war. Doch beim Schreiben ist mir jetzt die Erleuchtung gekommen: Er wollte das Tablett mit Schnäpsen nicht nehmen, weil er es zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr tragen konnte. Er konnte ja kaum noch gehen, ohne sich abzustützen, wie sollte er da das Tablett heil bis zum Tisch bringen? Aber sowas kann er natürlich nicht sagen. Dann müsste er sich ja eingestehen, dass er ein gar-nicht-so-leichtes Alkoholproblem hat. Also erfindet er saudämliche Gründe!

Ich hoffe sehr, dass die anderen Ersti-Touren besser laufen. Das war der mieseste Einstand, den ich haben konnte. Dabei war der Rest vom Abend zwar stressig, aber doch ganz nett. Ich mag es nämlich, wenn der Laden voll ist. Bei den nächsten Gruppen musste ich zwar komplett alles alleine machen, weil die Stammgäste dann irgendwann auch mal nach Hause gingen, aber niemand hat sich über die etwas schleppende Bedienung beschwert (20 Getränke gleichzeitig fertig machen? Kein Problem, wenn es Bier ist, aber wenn 20 Leute 15 verschiedene Getränke bestellen, wird es für einen allein ETWAS schwierig!).
Im Gegenteil, ich bekam sogar Applaus, als ich die Freischnäpse brachte. Und ein Typ, der wollte, dass ich genau um Mitternacht “Forever Young” laufen lasse, weil seine Freundin dann Geburtstag hatte, freute sich über diesen Extra-Service, den ich GERNE ablieferte, ganz besonders. Auch, wenn die einzige Version von “Forever Young” auf meinem Notebook, die ich schnell auf CD brannte, eine 90er-Jahre-Techno-Version war. Aber das hat nach anfänglichen Irritationen bei den anderen Gästen dann auch für Erheiterung gesorgt.

Ab Jens’ Verschwinden ein rundrum gelungener Abend also, der mit 30 Euro Trinkgeld nicht überwältigend, aber ordentlich war. Jetzt bleibt nur den Dingen zu harren, die da kommen mögen.
Ich kotze jetzt schon.

2 Antworten zu “Ersti-Tour I.: Get the fuck out of my way!!!”

  1. Hi Robin, ich bin zwar immer auf deiner Seite, aber wenn der Typ will, dass du deinen Rucksack wegräumst könntest du es auch einfach mal machen, anstatt dich so aufzuregen. Ich kann mich auch schwer unterordnen, deshalb bin ich selbständig. Vielleicht musst du auch bald deine eigene Chefin werden, denkt zumindest die Lesbomatin..

    • Einerseits hast du Recht, andererseits… es nervt halt so dermaßen, weil ich weiß, dass er in dem Moment einfach etwas gesucht hat, wegen dem er meckern kann. Hätte ich den Rucksack weggebracht, hätte er sich sofort auf was anderes gestürzt. Es ist vor allem einfach diese Art, wie er mit einem redet!

      Meine eigene Chefin… davon träume ich manchmal schon. Aber ohne Ahnung von Rechnungswesen und mit einem Haufen Schulden wird das wohl ein Traum bleiben…

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