Codierung

Gestern half ich Jens, noch einen “Aushilfe gesucht”-Zettel aufzuhängen, als mein Blick auf unsere Schiefertafel fiel.

Warum zur Hölle haben wir eine Schiefertafel? Weil wir nicht nur einen E-Dart, sondern auch eine Steel-Dart-Scheibe haben und da muss man seine Punkte nunmal selbstständig zusammen zählen. Dafür die Schiefertafel.
Meistens ist es aber so, dass keine Sau Steel-Dart spielen will, daher wird die Tafel meistens zweckentfremdet, um irgendetwas drauf zu kritzeln. Meistens sind das dilettanitische Zeichnungen männlicher oder weiblicher primärer oder sekundärer Geschlechtsorgane (man sollte nicht meinen, dass alle, die bei uns reinschneien, schon über 18 sind). Aber gestern…

Dazu sollte ich vielleicht erwähnen, dass wir seit vorletzter Woche häufig Besuch von Wandergesellen haben. Ich habe sowas noch nie gesehen, entsprechend verstört war ich, als ich bei Schichtantritt 20 folkloristisch gewandete junge Männer in Mega-Schlaghosen in der Kneipe vorfand, die Bier kippten, als wären sie durch die Wüste gewandert. Das ist natürlich ein Glücksfall für Jens, denn die Typen waren jetzt schon mehrmals da und haben insgesamt vermutlich so um die 1000 Euro versoffen. Kann man nicht meckern! Ich für meinen Teil halte diesen Brauch für hinreißend anachronistisch.

Eben jene Kerle haben sich am Sonntag, Mark arbeitete, auf unserer Tafel verewigt. Und das bereitete mir Stirnrunzeln, denn ich entdeckte zwischendrin eine kleine 88.
88, sollte man kennen – eine in Faschokreisen gängige Abkürzung für “Heil Hitler”. H ist nämlich der 8. Buchstabe des Alphabets (und der achte von hinten ist S, womit sich “SS” ergibt). Es gibt auch noch die Form H8 mit der selben Bedeutung, verbreitet ist aber auch 18 für “Adolf Hitler” (ich bin mal gespannt, wie sich dieser Beitrag auf meine Suchbegriffe auswirken wird…!).

Ich musste keine Nanosekunde überlegen, um zu beschließen, das schnellstens auszuwischen. Der Rest stellte mich vor ein Problem. Groß über die halbe Tafel stand “rechtschaffende Fremde” geschrieben, womit ich nichts anfangen konnte, aber da man “rechtschaffend” durchaus so oder so verstehen kann… Außerdem war in gigantischen Lettern von einem “§11″ die Rede. Paragraph 11? Keine Ahnung, was das bedeuten soll. Aber Vorsicht ist immer besser und mir ist durchaus bewusst, dass ich nicht alle Nazi-Codes kenne, also machte ich tabula rasa (haha!) und wischte einfach die gesamte Tafel aus. Ich habe keinen Bock, dass unsere Kneipe einen Ruf als Faschotreff weg bekommt.

Jens sah das später und sprach mich angepisst darauf an. Ich erklärte ihm die Situation.
“Unsinn!” meinte er sofort. “18 heißt “Adolf Hitler”, aber 88 hat überhaupt keine Bedeutung!”
Ähm, doch? Vielleicht lässt du, ein spießiger Mittvierziger, der vermutlich schon mit drei Jahren gebügelte Hemden trug, dich einfach mal von einer alten Punkerin belehren?
Es gab noch einen kleinen Wortwechsel, den wir dann abbrechen mussten, weil Gäste kamen. Den Rest vom Abend war Jens grummelig. Mir ist auch klar wieso: Er findet Wandergesellen super (nicht nur wegen dem ganzen Schotter, den sie ankarren), daher ist es ja völlig unmöglich, dass die Jungs einer fragwürdigen Gesinnung anhängen könnten. Aber die Tafel war ausgewischt und das war auch nicht mehr zu ändern, daher sparte er sich weitere Kommentare.

Zuhause angekommen war ich gespannt, was sich hinter dem mir unbekannten Zahlencode verbarg. Wikipedia, your turn!

Und das habe ich rausgefunden (auch wenn der Wikipedia-Artikel dazu etwas wirr ist): Paragraph 11 ist Bestandteil eines Regelwerks, das sowohl unter Studentenverbindungen (kotz) wie auch im Brauchtum der Handwerksgesellen Gültigkeit hat und besagt: “Es wird weitergesoffen!” oder lateinisch “porro bibitur!”

Man sah mich verblüfft. Ich hätte ja mit vielem gerechnet (u.a. ist Artikel 11 unseres Grundgesetzes das Recht auf Freizügigkeit, das passt ja auch irgendwo!), aber sowas! Wie saudämlich und gleichzeitig lustig ist DAS denn bitte?

So ganz check ich das noch nicht. Weitergesoffen bis wann? Wer kontrolliert das? Und worum gehts in den anderen zehn Paragraphen? Fragen über Fragen, Wikipedia hilft leider nicht. Dafür liefert Wiki tatsächlich noch einen Treffer für “Rechtschaffende Fremde”, was lediglich der Name einer Gesellenvereinigung und damit auch nichts böses ist. Puh!

Naja. Wieder was gelernt! Hauptsache, die Jungs sind keine Nazis (naja, bis auf den, der die 88 hingeschmiert hat…). Dann ist es ja auch nicht schlimm, dass sie §11 auch in einen Tisch eingeritzt haben…

13 Antworten zu “Codierung”

  1. Olaf aus HH Sagt:

    Mit “88″ liegst Du garantiert richtig – keine Frage – “18″ mag eventuell auch zutreffend sein.
    Was “11″ angeht, da kann alles mögliche möglich sein. Und sei gelobt und gepriesen, daß Du “A.r.t.i.k.e.l” 11 Grundgesetz geschrieben hast und nicht “Paragraph” – das ist eher selten, daß jemand das unterscheidet.
    Was die Wandergesellen angeht, so hatte ich bisher allerdings auch einen eher guten Eindruck von denen, so “konservativ” diese Sache auch wirken mag, das ist jedenfalls Ergebnis etlicher Gespräche mit einigen von ihnen in Kneipen und anderswo. Und die Idee der Wanderschaft finde ich gar nicht so schlecht. Es sind fast immer eher witzige originelle Typen gewesen.
    Sei es drum – Idioten gibt es allerdings wohl überall.

  2. Gestern war ein guter Tag, denn du bist fast nicht mit Jens aneinandergerasselt. ; ) Die Gesellen würde ich ankacken, wer da Nazisymbole rumkritzelt? Und demjenigen Hausverbot erteilen.

    • Ich glaube, die sind jetzt endgültig weiter gezogen…

      Wenn ich sehen würde, wie jemand sowas hinschmiert, würde der sofort rausfliegen. Aber naja, ich kann ja nicht mit Sicherheit wissen, dass es jemand von denen war. Ich hab nicht gesehen, wie es gemalt worden ist. Die 88 war jedenfalls nicht in ihr großes Gemälde eingebunden, kann also auch von jemand anderen hingekritzelt worden sein. Will da auch niemanden ohne Beweis beschuldigen…

  3. Raeblein Sagt:

    Da ich keine Kontaktdaten fand poste ich mal hier,
    Ich finde deinen Blog sehr gut und fand hier einen Atikel im WWW der dich vielleicht intressiert:
    http://www.ahgz.de/zulieferer/rote-kleidung-bringt-mehr-trinkgeld,200012199753.html

    • Wow, danke! (Fürs Kompliment und den Link ;) )
      Dass es helfen soll, die Gäste kurz zu berühren (Hand auf Schulter etc.), wusste ich schon. Aber rote Kleidung, das ist mir neu. Das werde ich auf jeden Fall ausprobieren!

      • Raeblein Sagt:

        wirkt aber nur bei Männern :)
        Vielleicht ists dir ja ein Post wert was deine Erkenntnise ergeben.

      • Ich glaube, für eine richtige Studie sind die Faktoren zu variabel ;) Ich denke oft, dass ich die Trinkgeld-Mentalität jetzt durchschaut habe, aber ich werde immer wieder überrascht.
        Ich plane demnächst einen längeren Beitrag über Trinkgeld im Allgemeinen, da werde ich das sicher mit einfließen lassen.

  4. Moin Robin,

    hm, eigentlich sind Wandergsellen tolerant und weltoffen eingestellt. Sie wandern ja gerade, um andere Lebnsformen und Kulturen kennen zu lernen.
    Ich würde mal direkt bei den “Rechtschaffenen Fremden” nachfragen, was das mit dem “88″ soll:
    http://rechtschaffene-zimmerer.de/
    und: hauptkasse-d-r-frd-zimmerer@hotmail.de
    und: “Rechtschaffene fremde Zimmerer und Schieferdeckergesellen”, Klausdorfer Weg 21|24148 Kiel|Tel. +49 (0)431 – 26 09 86 62.

    OK, keep on rockin´,
    Tom

    • Hm, ich will da jetzt wirklich nicht so ein Fass aufmachen. Wie gesagt, ich kann nicht mit Sicherheit behaupten, dass die Jungs das hingeschmiert haben oder doch jemand anderes. Die waren – bis auf einen, der hat mich ziemlich unsexy angemacht – auch alle sehr nett. Deshalb ist das für mich jetzt erledigt. Werde da in Zukunft aber weiter drauf achten!

  5. woodheart Sagt:

    So um euch hier mal aufklärund zu geben:
    §11 ist wie bekannt der bierparagraph und wurde von kaiser wilhelm verordnet……die metapher der wandergesellen besteht darin, ( das wissen viele vlt nicht,…. wir stehen für völkerverständigung) das 11 ausgeschrieben e.l.f. ist…das wiederum steht fürs französische Egalite legalite fraternite…..also gleichheit freiheit brüderlichkeit( der grundgedanke der Revolution!

    Es soll heisen das wir alle aus einem glas trinken egal welcher rasse nation o.ä…

    mfg

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