Sleeping Drunky

Es gibt einfach Gäste, deren Fresse sieht man schon an, dass sie Ärger machen werden.

Der Typ war mir von Anfang an suspekt. Er bestellte sich was zu trinken und steuerte dann zielstrebig den Spielautomaten an. Während sein Bier abstand, verpulverte er im rasenden Tempo sein Geld.

“Da sind noch 10 Euro drin, die ich nicht verspielt habe,” meinte er irgendwann und sah mich anklagend an.
Ich staunte. “Äh, dann lass dir das doch auszahlen?”
Die Möglichkeit hatte er offensichtlich noch nie genutzt (da drängt sich die Frage auf, warum er dann überhaupt spielt?). Ein Thekengast half ihm, den richtigen Knopf zu finden. Er nahm die 10 Euro raus und steckte sie gleich wieder rein (ohne Worte).

Nachdem er genug Geld verloren hatte, setzte er sich an die Theke und war erst mal ganz friedlich, wenn man davon absah, dass er die ganze Zeit über seinen mp3-Player Musik hörte, was in einer Kneipe schon ziemlich schräg ist.
Doch irgendwann fing er an, Kontakte knüpfen zu wollen. Dazu orderte er für sich und für das Pärchen, das neben ihm saß und mit dem er noch kein einziges Wort gewechselt hatte, neue Biere. Das Pärchen bedankte sich artig und wurde im Folgenden zugelabert.

Als das nicht mehr ging, weil sie ihn anfingen zu ignorieren, war ich ab da sein neues Ziel. Er starrte mich permanent an. Extrem unangenehm, wenn man hinter der Theke stehen muss und nicht flüchten kann. Und dann kam das Unvermeidliche: Er wollte mir einen Schnaps ausgeben.
Ich: “Nein, danke.”
Er: “Komm, einen!”
Ich: “Nein, ich bin ein wenig erkältet und will nichts trinken.”
Er: “Och, komm schon!”
Ich: “Ich will keinen Alkohol trinken, Danke.”
Er: “Na, dann nimm halt ne Cola oder sonst was!”
Ich: “Danke, ich hab schon.”

Das hielt ihn nicht davon ab, weiter den Big Spender zu spielen. Erst verteilte er fröhlich Zigaretten nach links und rechts, dann wollte er das Pärchen zusätzlich zu einem Schnaps einladen und bestellte drei Jägermeister bei mir.
Ich: “Ähm, ich glaube die wollen keinen Schnaps, das haben sie eben schon gesagt.” Ich sah den männlichen Part des Pärchens an.
Männlicher Part: “Neeee, für mich wirklich nichts!”
Weiblicher Part: “Ich mag auch keinen, Danke!”
Der Typ schob beleidigt die Unterlippe vor. “Dann mach mir trotzdem drei Jägermeister, für mich allein!”

Ich erledigte diese Bestellung ungern, zumal ich wusste, worauf das hinaus läuft. Und ich hatte Recht.
“Du trinkst jetzt einen mit mir mit.”
“Ich möchte nicht mittrinken, Sorry!”
“Tze… wo ist dein Kollege, der muss einen nehmen!”

David kam dieser Aufforderung halbwegs enthusiastisch nach, auch wenn man ihm anmerkte, dass er den Typen wirklich gruselig fand. Woran das lag, konnte man gar nicht wirklich festmachen. Wars sein stechender Blick oder seine soziale Unbeholfenheit? Bilden wir uns das gar nur ein?
Nö. Er war völlig unten durch, als er kurze Zeit später leise vor sich hin sang: “Duuu kleine Fotze…”
Mich überlief es eiskalt. Meinte der MICH!? Es war nicht festzustellen, denn er starrte in eine völlig andere Richtung ins Leere. Trotzdem, muss sowas sein?!
Gerne hätte ich was gesagt, doch ich war wie erstarrt. David kam mir aber zuverlässig wie immer zur Hilfe. “So fangen wir gar nicht erst an, okay?” meinte er mit sanfter Strenge. Der Typ nickte halbherzig.

Damit war es für mich vorbei. Fast sofort ärgerte ich mich schwarz, dass ich keinen Ton heraus bekommen hatte. Was ist nur los mit mir, das ist doch nicht der erste Assi, der hier aufschlägt und dumme Sprüche bringt! Fast hoffte ich, dass er nochmal mit sowas ankommt, damit ich ihm eine passende Antwort geben konnte.

Stattdessen war er das nächste Mal, als ich vom Schankraum zurück kam, sanft eingeschlummert.

So, und das ist ein Problem. Ich selbst hab das nie überprüft, aber Chef hat mir mehrmals eingeschärft, dass schlafende Gäste ein No-Go sind. Grund: Werden diese erwischt, sind WIR dran, so ähnlich wie wenn man einem Gast noch Alkohol ausschenkt, obwohl er schon völlig dicht ist. Das ist gegen die Gewerbeordnung oder so. Meine Mission also: Den verwirrten Kerl aufwecken.
Das sagt sich so leicht, ist aber bei gewissen betrunkenen Exemplaren extrem aufwändig. Bei dem Typen kam noch hinzu, dass er nicht genug getrunken hatte, um richtig voll zu sein und einfach am Tresen einzuschlafen. Möglich, dass er vorher schon ordentlich gebechert hatte, aber ich tippte ehrlich gesagt auf Drogen.
Jedenfalls schüttelte ich seinen Arm und redete laut auf ihn ein. Einzige Reaktion war ein kurzes Kopfheben, dazu der triefäugiste Blick, den ich je gesehen habe (ich sag ja: Drogen) und dann war er auch schon wieder weg. Ich versuchte es mehrmals, während die Thekengäste mir atemlos zusahen. Ohne Erfolg.

So, und wenn dies der Fall ist, gibt es einen ganz einfachen Kellnerinnen-Trick, um die süß träumenden Dornröschen endgültig aufzuwecken: ein paar Eiswürfel ins Hemd. Gemein, aber fein. Ich nahm also ein Glas, füllte es mit Eiswürfeln, umrundete die Theke und steckte ihm drei Eiswürfel hinten in den Kragen. Er zuckte kurz, dann lag er wieder still. Also kippte ich den Rest des Glases hinterher.

Der Typ merkte das nicht mal.

Hm, da stand ich erstmal blöd da. Normalerweise klappt das immer. Die Thekengäste betrachteten mich derweil mit – so bildete ich es mir zumindest ein – deutlichen Missfallen, dabei waren die alle total genervt gewesen von dem Typen. Weil in dem Moment aber zehn Leute nach Getränken schrieen, ließ ich ihn erst mal sitzen und ging bedienen.

Zurück hinter der Theke rüttelte ich wieder an ihm und dieses Mal gab ich nicht auf. Mit lauter Stimme erklärte ich ihm, dass er gehen müsse, weil Schlafen in der Kneipe praktisch illegal ist (die Thekengäste machten große Augen), und entwand ihm sein Bierglas, dass er wie einen Teddy an sich gedrückt hatte. Er wollte mindestens dreimal wieder einschlafen, aber ich ließ ihn einfach nicht. Nach einem kurzen weiteren Intermezzo – er ging aufs Herrenklo und stand da mindestens fünf Minuten oben ohne rum, wie mir ein paar schockierte männliche Gäste berichteten – war er dann endlich weg.

Etwas später merkte ich, dass er die letzte Runde aus Versehen zweimal bezahlt hatte. Das war aber nicht schlimm, das nahm ich einfach als Aufwandsentschädigung. Sprich Trinkgeld ^^

5 Antworten zu “Sleeping Drunky”

  1. Olaf aus HH Sagt:

    RTW (112) anrufen – hilflose Person und so… ?
    Besser iss es wohl.

    • Nee, hilflos sind die ja eben nicht. Ich hatte schon so viele Schläfer da, die nicht wach zu bekommen waren, die aber, nachdem man es dann mal geschafft hatte, sich einmal schüttelten und dann nahezu nüchtern wirkten. Damit ich die 112 rufe, muss schon mehr sein ^^

      • Olaf aus HH Sagt:

        Na ja – dann bin ich wohl selber eine eher hilflose Person mit meinen tollen Tips…
        Das alles klingt recht schräge. Na ja – leicht hast Du es wohl wirklich nicht.
        Hessedehessealloholnichhessededeseehlolhoideeheessehdeundnu? hause ?…
        Oh je.

  2. Erstmal Respekt für deinen kühlen Kopf in dieser Situation! Ich wäre wohl mal wieder in leicht hysterisches Chaos ausgebrochen, meine härteste Drogen+Alkohol erfahrung waren kiffende Östereicher.

    In solchen Situationen kann ich zum Glück die Möglichkeit dieses Problemchen an die Night Security abzuwälzen. Die kennt sich zum Glück mit sowas aus!
    Sonst hätte ich wie Olaf wohl den RTW gerufen wenn ein ganzes Glas Eiswürfel nicht mehr geholfen hätten – wenn der aufm Weg nachhause zusammenklappt is man schnell mal dran – zumindest wenn irgendwer bestätigt, dass der so von der Bar aus alleine heimwatscheln durfte. Wurde uns in der Barschule zumindest so ziemlich gut eingebläut, aber Lehrer wissen ja auch nicht alles *lach*

    • Ich seh das so: Wenn er es aus der Kneipe schafft, ist er nicht mehr mein Problem. Das klingt hart, aber ich kann mich nicht um jeden kümmern, der ein bisschen zuviel getrunken hat. Das sind alles erwachsene Menschen.

      Security – sowas haben wir nicht. Dafür bin ich da ^^

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